15. Dezember 2020
5 Min.

Die Entdeckung der Langsamkeit: Mit langsamem Denken bessere Entscheidungen treffen – Teil 1

Richtige Entscheidungen treffen möchte jeder – aber wie? "Schnelles Denken" und damit schnelle Entscheidungen können in einer komplexen Welt gefährlich sein. Auf der anderen Seite bietet “langsames Denken” die Chance auf langfristig bessere Entscheidungen. Wie können wir also das Wissen um diese kognitiven Phänomene bewusst zu unserem Vorteil nutzen?

Die Begriffe „schnelles Denken“ und „langsames Denken“ gehen auf Daniel Kahneman zurück. Kahneman ist Psychologe und Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und hat mit seinem kongenialen Partner Amos Tversky wichtige Grundlagen in der Verhaltenspsychologie geschaffen. Ihr Fokus liegt dabei auf menschlichen Denkprozessen zur Entscheidungsfindung. Diese Erkenntnisse seiner Jahrzehnte langen Forschung – sein Lebenswerk – fasste Kahneman 2011 in einem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ zusammen. Darin beschreibt er zwei verschiedene Systeme, welche für unsere Entscheidungsfindung verantwortlich sind. Er nennt sie leicht verständlich System 1 und System 2.

Was ist schnelles und was ist langsames Denken?

System 1 kann man als „Autopilot“ bezeichnen und ist das Vermächtnis unserer evolutionären Vergangenheit. Es arbeitet schnell und intuitiv, es ist sowohl kreativ als auch assoziativ und gaukelt uns Kausalität vor, wo tatsächlich keine existiert. Gleichzeitig ist es für Gefühle und Neigungen verantwortlich und verschafft uns durch schnelles Urteilen und Handeln in bedrohlichen Situationen Überlebensvorteile. Es wird schnelles Denken genannt und es fühlt sich einfach und leicht an. So als würde man als geübter Fahrer bei Sonnenschein eine gerade Landstraße entlangfahren.
Entscheidungen des Systems 1 sind verführerisch, weil sie im Gefühl der kognitiven Leichtigkeit getroffen werden. Sie vermitteln den Anschein, dass die Welt für uns in Ordnung ist.

Auf der anderen Seite steht das willentliche System 2. Es denkt nach und reflektiert, es generiert bewusste Handlungen und übt Selbstkontrolle aus. Es ist außerdem für eine gut überlegte Wahl verantwortlich und in der Lage, gezielt seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu richten. Seine Stärken sind logisches Denken und statistische Auswertungen. Dabei erreicht es jedoch nicht die Schnelligkeit von System 1 und wird daher langsames Denken genannt. Weil wir aktiv Energie aufwenden müssen, um langsam zu denken, fühlt es sich angestrengt und oft auch zäh an.

Das klingt doch so als würden sich beide Systeme perfekt ergänzen. Wo liegt dann die Herausforderung?

Die Herausforderung für unser Gehirn

Hierfür betrachten wir das Zusammenspiel beider Systeme: System 1 ist der modus operandi, der Modus, in dem unser Gehirn immerzu aktiv ist. Es prüft permanent: Droht Gefahr? Muss ich flüchten oder angreifen? Ist es zu heiß oder zu kalt? Es stellt körperliches Behagen oder Unbehagen unmittelbar fest und steuert gegen.
Hinzu kommt eine weitere wesentliche Funktion: Die ständige Überprüfung, ob System 2 aktiviert werden muss. Denn ist eine Aufgabe zu komplex und hat das System 1 das Gefühl, sie nicht alleine lösen zu können, zieht es System 2 heran. Das tut es allerdings aus einem einfachen Grund nur sehr ungern: Unser Gehirn ist faul und folgt stets dem Gesetz des geringsten Widerstands. Dieser ist typischerweise im modus operandi – System 1 – niedriger und energiesparender als in System 2, welches zusätzliche Energie kostet.

(Illustration by Till Weinert)

Probleme entstehen dann, wenn sich komplexe Aufgaben als einfache Aufgaben „tarnen“. Das tun sie natürlich nicht aktiv, sondern geschieht unbewusst durch uns. So kann es vorkommen, dass wir in Situationen, die komplex sind, mit schnellem Denken (System 1) handeln; es wäre jedoch die Denkleistung von System 2, also langsames Denken, für eine reflektierte Entscheidung nötig gewesen. Besonders häufig tritt dieser Effekt in der Interaktion zwischen Menschen auf. Unser Denken freut sich über jede Abkürzung, die es nutzen kann, und kommt so schnell auf Basis von Neigungen und Emotionen zu endgültigen Urteilen über unsere Mitmenschen.

Ist Agilität schnell oder langsam?

Agilität bietet uns eigentlich perfekte Voraussetzungen für langsames Denken: Die kontinuierliche Inspektion und Adaption an veränderte Bedingungen, anders gesagt die engmaschige Überprüfung von gefällten Entscheidungen, sind ein wesentlicher Teil von Agilität. Genauso wie die damit einhergehende Fehlerkultur, die Dezentralisierung von Entscheidungen, der perspektivreiche Dialog in cross-funktionalen Teams sowie das Arbeiten in kurzen und regelmäßigen Iterationen. All dies sind großartige Chancen für langsames Denken und damit bessere Entscheidungen. Doch sie basieren auf einer notwendigen Voraussetzung: Transparenz. Also der Verfügbarkeit von verlässlichen Daten und Erfahrungen. An diesem Punkt kommt Kahnemans Theorie vom menschlichen Denken ins Spiel: Wenn diese Daten durch unser Denken verzerrt werden, indem System 1 freudig mentale Abkürzungen nutzt und Zusammenhänge vorgaukelt, wo keine sind, dann treffen wir unsere Entscheidungen auf Basis von falschen Daten.

Zusätzlich wird unser Umfeld immer komplexer, undurchsichtiger und weniger planbar. Die Reaktion darauf ist häufig: höher, schneller, weiter! Und manchmal scheint es so, als würde Agilität diesen kopflosen Geschwindigkeitsrausch noch befeuern. Allgegenwärtige Begriffe wie Sprint oder Velocity oder der populäre Buchtitel „Doing Twice the Work in Half the Time“ von Jeff Sutherland können den falschen Eindruck erzeugen, bei agilen Methoden ginge es nur um mehr Schnelligkeit.

Dabei geht es nicht darum, einfach mehr in weniger Zeit zu machen. Es scheint paradox, doch je mehr wir im unbewussten schnellen Denken sind, desto langsamer werden sich die gewünschten Dinge ändern. Wir hoffen, indem wir immer mehr machen, dass das Richtige schon dabei sein wird. Die große Stärke von Agilität liegt allerdings darin, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu tun. Schneller ist, wer weniger macht, aber dafür das Richtige. Wir müssen priorisieren, d.h. Entscheidungen treffen, welche Dinge jetzt am wertvollsten sind. Und um diese Entscheidungen zu treffen, brauchen wir mehr langsames Denken. Priorisierung und langsames Denken sind somit der Schlüssel zum Erfolg und führen zur gewünschten Schnelligkeit.

(Photo by Diego PH on Unsplash)

Mach mal langsam!

An dieser Stelle möchten wir dich zu einer Pause einladen. Nimm dir bewusst die Zeit, dir selbst Fragen zu stellen und zu reflektieren. Einige Impulse, die dir dabei helfen können:

– Für welche Entscheidungen nimmst du dir in deinem Kontext zu wenig Zeit?

– In welchen Situationen verfällst du besonders leicht dem schnellen Denken, obwohl mehr Langsamkeit hilfreich wäre?

– Wie kannst du dir in deinem Alltag die Zeit für mehr Pausen nehmen, um bewusste Entscheidungen treffen zu können?

– Was könnte dir in diesen Situationen helfen, dein System 2 zu aktivieren?

Es ist gut möglich, dass die Dinge, für die du dir mehr Zeit nehmen solltest, eine Weile brauchen, bis sie zum Vorschein kommen. Stichwort: langsames Denken!

Ganz im Sinne einer besinnlichen Weihnachtszeit machen auch wir an dieser Stelle eine Pause. Im neuen Jahr starten wir im zweiten Teil des Blog-Artikels damit, ein Bewusstsein für die Verzerrungen zu schaffen, denen unser Denken unterliegt. Daran anschließend geben wir dir Ideen mit auf den Weg, was du konkret tun kannst, um langsames Denken zu fördern.

Wir wünschen besinnliche Feiertage. Bleib gesund!

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Unterdessen haben wir auch den 2. Teil des Blogs veröffentlicht.

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Quellenangabe:

Kahneman, Daniel (2011) Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux, New York

Illustration by Till Weinert

Bild 1: Unsplash: Photo by Jonathan Cosens – unsplash.com

Bild 2: Unsplash: Photo by Diego Ph – unsplash.com

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