06. November 2019
4 min

Konflikte fragen nie nach einem Plan

Mein persönlicher Plan für diesen Montagmorgen stand eigentlich fest: Ein Teamworkshop mit Führungskräften und Entwicklern moderieren, um das agile Setup festzuzurren. Routine. Sollte ich meinen. Es kam anders.

Ich betrat den Raum und sofort spürte ich instinktiv diese gewisse Energie im Raum. Es fand keinerlei Konversation statt und Augenkontakt wurde möglichst vermieden. Es lauerte etwas unter der Oberfläche. Ich  starteten mit einem lockeren Intro, um miteinander warm zu werden. Und genau da passierte es:

Ein Entwickler traute sich, offen zu sprechen: „Dass wir uns hier zusammen treffen ist aus meiner Sicht völlig nutzlos. Hier besteht seit Jahren ein Gegeneinander. Mir wird einerseits vorgeschrieben, wie ich meine Arbeit als Entwickler zu machen habe. Andererseits werde ich dann verantwortlich gemacht, wenn es mal nicht gut läuft.“ Ich sah vereinzeltes Kopfnicken bei seinen Entwicklerkollegen. Was dann folgte, war ein schneller, gegenseitiger Schlagabtausch.

Ich lies es erst einmal geschehen. Für mich und auch für das Team waren dies wertvolle Erkenntnisse und deutliche Signale. Ich sah in den Gesichtern gemischte Gefühle: Unbehagen, Erstaunen, Schock und dazwischen auch etwas Positives: Zuversicht. Zuversicht darüber, dass die tote Katze endlich aus dem Sack gelassen wurde. Und die dringende Aufforderung an mich, hier erste Hilfe zu leisten.

Ich bin von Grund auf ein positiv denkender Mensch. Mein erster Gedanke zu diesem Gefecht war: „Hey, immerhin – sie sprechen miteinander.“. Uns war allen klar, dass wir erst einmal ins Reine kommen mussten, bevor wir auch nur an einen Workshop denken konnten. Also leistete ich erste Hilfe, so gut ich konnte:

1. Schritt: Empathie wieder erlangen

Spontan entschied ich mich für das gute alte Rollenspiel. Zwei Freiwillige aus den beiden Fronten waren schnell gefunden. Und so wechselten diese beiden ihre jeweilige Perspektive: Der Entwickler schlüpfte in die Rolle der Führungskraft. Und umgekehrt. Dann stellte ich die Frage „Wie hast du die letzten vier Wochen wahrgenommen?“.

Was dann folgte war spannend zu beobachten: Es fiel den beiden sichtbar schwer, sich wieder in den anderen hineinzuversetzen. Wichtig für den Mediator: Hier bitte auf keinen Fall eingreifen und Stille aushalten. Der Erste traute sich und fing an, aus der Perspektive des Anderen zu sprechen. Nach und nach wurden Zugeständnisse, Absichten und Gemeinsamkeiten aus beiderlei Fronten sichtbar.

Ergänzend und mit Vorsicht kann der Mediator folgende Fragen einwerfen:

  • „Was möchtest du erreichen?“
  • „Worum geht es dir?“
  • „Was ist dir hier wichtig?“

2. Schritt: Gefühle benennen

Ich sehe so manchen Menschen regelrecht in Schweiß ausbrechen, wenn es um das Thema Gefühle geht. Das Skurile daran: Gefühle sind einfach da. Es bringt nichts diese zu verleugnen oder zu versuchen diese zu unterdrücken. Im Gegenteil, das macht einen Konflikt nur noch schlimmer. Die Krux ist es, Gefühle transparent zu machen. Sie zu benennen und dabei nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, das Gesicht zu verlieren oder sich vor anderen bloß zu stellen. Meiner Erfahrung nach sollte man Gefühle auch nicht überinterpretieren. Sie also nicht größer oder mächtiger machen als sie sind. Sie sind einfach da. Und sie gehen meistens auch wieder weg. Ein Kommen und gehen. Nichts Dramatisches.

Also stellte ich folgende Fragen:

  • „Wie geht es dir denn damit?“
  • „Wie fühlt sich das an?“

Folgendes passiert hier bei Menschen, die bisher in einem Konfklikt zueinander standen. Es wird dem Gegenüber wieder Menschlichkeit anerkannt und damit die Konflikteskalation stark entschleunigt. Dazu muss man verstehen, dass wir in einem fortschreitenden Konflikt unseren „Gegner“ nicht mehr als Mensch mit all seinem Fühlen und Denken wahrnehmen. Nicht selten findet eine Entmenschlichung statt, mit dem Ziel „das feindliche System“ anzugreifen.

3. Schritt: Bedürfnisse erkennen

Wir befanden uns immer noch im Rollenspiel. Ich stellte die Fragen „Was brauchst du von deinem Gegenüber?“ und danach im Gegenzug „Was kannst du deinem Gegebenüber geben?“. Das bildete den Grundstein für das Lösen dieses Konflikts: Kooperation. Ein erstes Aufeinander zugehen. Und ein gegenseitiges Zielbild über das zukünftige Miteinander.

4. Schritt: Rollenspiel verlassen und Reflektion

Danach galt es, die beiden Konfliktpartner behutsam aus ihrem Rollenspiel wieder heraus zu begleiten. Was danach passierte war für alle Anwesenden sehr emotional. Erst einmal Stille. Eine sehr gespannte Stille. Direkter Augenkontakt. Dann verständigendes Zunicken.

Alle Anwesenden hatten nach diesem Rollenspiel ein dringendes Bedürfnis zu beschreiben, was da gerade mit ihnen passiert war. Bitte unbedingt zulassen und laufen lassen. Es fielen Sätze wie „So habe ich das nie gesehen, danke dafür“ oder „das war gerade sehr mutig und offen, danke euch“. Das war eine sehr wertvolle Reflektion für alle Beteiligten.

Der Tag danach

Um bewusst Veränderungen anzustoßen und Konflikte als etwas Positives zu nutzen war dieser Tag der erste Meilenstein für dieses Team. Was danach folgte war essentiell. Denn Menschen verändern ihr Verhalten nicht von heute auf morgen. Wir vereinbarten, diesen Tag erst einmal sacken zu lassen. Wir trafen uns dann eine Woche später noch einmal, um genau zu sammeln, wie wir uns die Zusammenarbeit miteinander für die Zukunft konkret vorstellten und was verändert werden sollte.

An diesem zweiten Treffen betrat ich den Raum. Von überschwenglicher Ausgelassenheit kann nicht die Rede sein. Für Witze und Feixen war die Zeit noch nicht reif. Und doch – es gab ein kleines, zartes Pflänzchen: Ich sah die Konfliktpartner miteinander sprechen. Das Raumklima fühlte sich entspannt an. Wir konnten an diesem Tag konstruktiv miteinander arbeiten. Ein wichtiger Schritt.

Wort zum Schluss:

Konflikte sind tricky. Es läuft nicht immer so reibungslos wie in diesem Blog beschrieben. Manchmal braucht es sehr viel Geduld, verhärtete Fronten wieder zu glätten. Es ähnelt dann einem etwas seltsam anmutenden Tanz. Ein erstes Annähern. Pausieren. Dann wieder einen Schritt aufeinander zu. Nicht selten stagniert es oder Menschen ziehen sich wieder zurück. Und in manchen Fällen geht es einfach nicht mehr miteinander. Dann gilt es Einzelne und die Gruppe zu schützen und auseinander zu gehen. In jedem Fall gilt es, bei Konflikten nicht wild herum zu doktern. Und sich im Zweifel lieber professionelle Hilfe von Außen zu holen.

Bildnachweise: Frank Busch - unsplash.com