Marcella Brebaum
16. Februar 2020
4 Min.

Mentales Training - Raus aus der Problemtrance, das "Ja, aber / Ja, und" Spiel

Kennst du das? Du hast eine Idee, bist ganz begeistert, willst sie mit den anderen teilen und die erste Reaktion die du bekommst ist: Das ist ja alles schön und gut, ABER... . Und die Idee, dieses Samenkorn der Veränderung, geht schon ein, noch eh sie das erste Sonnenlicht gesehen hat. Wie können wir das Team befähigen wieder Lösungen, Ideen, Experimentierfreude und Mut zu sehen und erleben? Wie kommen wir aus der Problemtrance und stärken dabei das Performance Mindset?
agile systemisch coaching

Alle sagten: Es geht nicht. Bis eine kam, die das nicht wusste und es einfach tat.

„Haben wir schon probiert, hat nicht geklappt!“ „Kann nicht funktionieren.“ „Ja, aber weil xy können wir das nicht machen.“ Probleme, Probleme, Probleme. Nimmt die Problemdichte so sehr zu, dass keine Idee mehr keimen kann, dann ist das der Moment, wenn die Problemtrance zu einem ernsthaften Problem wird!

Was ist die Problemtrance: Eine Lähmung und ein Stillstand der einsetzt, auf Grund der vermeintlichen Vielzahl oder Unlösbarkeit von Hindernissen. Der Fokus bleibt dabei auf den Problemen, welche schlimmstenfalls auch nicht selbst beeinflusst werden können. Man ist sozusagen als Opfer auswegslos im Status Quo gefangen. Über einen längeren Zeitraum erlebt, kann sich die Problemtrance erdrückend oder eben lähmend anfühlen und zu Frustration, Depression oder schlechtestenfalls Destruktion führen.

Wie kommen wir das raus? Wie können wir das Team befähigen wieder Lösungen, Ideen, Experimentierfreude und Mut zu sehen und erleben?

Wenn man Wald vor lauter Bäumen nicht sieht

Wer mitten drin ist in der Problemtrance, ist häufig so gelähmt und so vom eigenen Denkmuster blockiert, dass es schwer ist sich selbst daraus zu ziehen. Hier hilft der Blick von Außen, bzw. aus einer Meta Perspektive, z.B. durch eine*n ModeratorIn, einen Scrum Master, und/oder einen Agile Coach.

Ich nutze gerne den spielerischen Ansatz um Teams zum Nachdenken und Reflektieren anzuregen. Ein schönes Spiel um hinderliche Denkmuster aufzuzeigen und ein Performance Mindset zu stärken, ist das „Ja, aber/ Ja, und“ Spiel. Es eignet sich zum Beispiel für den Einsatz in einer Retrospektive oder Futurespektive.

Das „Ja, aber… / Ja, und“ Spiel

Runde 1

Aufgabe: Besprecht und plant das kommende Jahr, in dem ihr den Satz ergänzt: Unser nächstes Jahr, wird toll, wenn wir … tun. Reihum wird auf den jeweils vorherigen Satz geantwortet und zwar startend mit „Ja, aber…“. Runde 1 ist zu Ende, wenn alle etwas gesagt haben.

Meine Vermutung ist es wird sich wie eine negativ Spirale anfühlen und so soll es sein. Immer wieder ‚Ja, aber hast du daran schon gedacht…‘ ‚Ja, aber wir wollen doch eigentlich…‘ Ja, aber wie soll das gehen, wenn…‘

Runde 2

Alles bleibt wie in Runde 1, außer dieses Mal starten die Sätze mit „Ja, und…“ .

Reflektion in der Gruppe

Wie habt ihr Runde 1 und Runde 2 im Vergleich zueinander wahrgenommen? Erkennt ihr unterschiedliche Mindsets? Wann ist welcher Ansatz in unserem Alltag hilfreich und wie wollen wir das Gelernte zukünftig anwenden?

Auflösung der Übung

Die Übung macht zwei unterschiedliche Mindsets einfach verständlich. Welche jeweils in unterschiedlichen Kontexten, ihre Vorteile haben. Ein Performance Mindset kann unterscheiden, wann welche innere Haltung hilfreich ist.

„Ja, aber…“ entspricht einem kritischen Mindset. Dieses Mindset ist sehr hilfreich, wenn es darum geht etwas zu optimieren und zu verbessern. Wenn es um Details geht, wir in die Tiefe gehen und den Fokus enger ziehen wollen.

„Ja, und…“ entspricht eher einem explorativen Mindset. Dieses Mindset ist sehr hilfreich, wenn es darum geht Ideen zu generieren, kreativ zu sein. Wenn es darum geht outside the box zu denken, wir in die Breite gehen und den Fokus auf Fülle legen.

Hintergrundinformationen für dich als Scrum Master und/oder Agile Coach

Unterschiedliche Menschen = unterschiedliche Haltungen und Mindsets – Wie kommt es dazu und wer hat Recht?

Jeder Mensch hat ein anderes Bedürfnis nach Sicherheit und leitet daher auch ein anderes Verhalten gegenüber Ideen, Ausprobieren und Veränderung ab. Gesellschaftlich betrachtet ist uns in Deutschland Sicherheit ein hohes Bedürfnis. Wir machen nicht gerne Fehler. Kaum eine*r erzählt stolz in einer Retro über die vielen fehlgeschlagenen Experimente. Um Fehler zu vermeiden, hilft uns ein kritisches Mindset, um genau zu hinterfragen ob diese Veränderung eine gute Entscheidung ist. Ein kritisches (Ja, aber) Mindset ist uns ein Stück weit in die Wiege gelegt.

Als Coach ist eine Aufgabe in Teams Verständnis untereinander und Selbstreflektion zu vermitteln, z.B. dass es unterschiedliche Bedürfnisse nach Sicherheit gibt.  Wichtig ist, dass weder das eine noch das andere Denkmuster besser oder schlechter ist. Ein gutes Team braucht beides. Ein kritisches Mindset zur Optimierung und Risiko-Minimierung, sowie ein exploratives Mindset für Veränderung und Innovation. Die Kunst ist:

  • zu erkennen, wann welches Mindset hilfreicher ist
  • Akzeptanz untereinander zu schaffen, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse einzugehen

Zusatz für multi-kulturelle Teams: Es kann hilfreich sein, sich gerade in multi-kulturellen Teams Unterschiede in Bezug auf Sicherheit (sowie andere Werte) bewusst zu machen. Da solche häufig zu Konflikten führen können. Um das Team zu unterstützen auf dafür Bewusstsein zu schaffen, habe ich damals eine Kultur-Retro gemacht und Hofstedes Länder Vergleich als Basis genommen.

Mir selbst, in meiner Rolle als Agile Coach, hilft die systemische bzw. die lösungsorientierte Haltung sehr. Sowohl beim Erkennen, als auch beim herausführen aus der Problemtrance. Hier die key take-aways:

  • Ein kritisches Mindset (Ja, aber…), als auch ein exploratives Mindset (Ja, und…) sind für ein Team wichtig. Es ist abhängig von der Situation, was gerade hilfreicher ist.
  • Das Wahrnehmen von vielen Probleme kann zu einer Problemtrance und somit Lähmung führen.
  • Der Blick von Außen, z.B. Agile Coach, kann hilfreich sein.
  • Ein hilfreiches Spiel zur Reflektion ist das Ja, aber/Ja, und Spiel.

Wie holst du dich oder dein Team aus der Problemtrance? Was machst du um dich und dein Team mental zu stärken? Ich bin neugierig von dir zu hören, Tipps und Ideen auszutauschen und berichte, wie das „Ja, aber/ Ja, und“ Spiel für dich war.

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Kommentar

  1. Carsten Pitz

    > Alle sagten: Es geht nicht. Bis eine kam, die das nicht wusste und es einfach tat.

    Kommt nicht vor 😉
    Ist mir erst dreimal so gegangen 🙂

    Oder wie mein Chef als Studentische Hilfskraft immer sagte: „Wer unmöglich sagt, ist zu faul zum Denken.“.

    /Carsten