07. Oktober 2020
6 Min.

Priorisierung und Wertmaximierung durch User Story Mapping

Welche Methoden unterstützen mich als Product Owner bei der Gestaltung meiner Produkt Vision und wie schaffe ich es, in kleinen testbaren Arbeitspaketen schnellen Produktmehrwert auszuliefern? Lernt mit Hilfe von User Story Mapping und User Story Slicing euch auf den Produktmehrwert zu fokussieren.
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Product Ownership

Die Rolle des Product Owners wird in vielen Unternehmen, die den Wechsel in Richtung Agilität wagen immer noch missverstanden. Oft wird er als Ersatz für den Projektmanager gesehen, der aber weiterhin durch das Management oder andere Stakeholder gesteuert wird. Um die Rolle des Product Owners richtig zu leben benötigt es die Unterstützung und den Rückhalt des Managements: Die Rolle muss im Unternehmen richtig verstanden werden.

Der Product Owner benötigt zum Ausüben seiner Tätigkeit Durchsetzungsfähigkeit und Empowerment durch das Management. Als Verantwortlicher für die Produkt Vision stellt er die Schnittstelle zu den Stakeholdern dar und ist befähigt, die finalen Entscheidungen selbst zu treffen. Der Product Owner muss seinem Team vertrauen können und sollte keine Lösungen vorschreiben bzw. sich nicht in Schätzungen oder Lösungen einmischen. Um das Team dabei zu unterstützen in jeder Iteration für Impact zu sorgen, gehört es zu den wichtigsten Aufgaben des Product Owners User Stories nach Mehrwert zu schneiden und zu priorisieren.  Dies gelingt ihm beispielsweise durch das User Story Slicing. Ziel ist es, kleinere planbare und testbare Arbeitspakete zu schnüren.

Unterstützung zum Thema Product Ownership findet Ihr in unserem Beratungsangebot sowie in unserem Trainingsangebot.

Backlog als Herausforderung

Die vielleicht größte Herausforderung eines Product Owners ist somit das Erstellen und Pflegen des Product Backlogs. Weder Scrum noch Kanban geben hierzu eine echte Hilfestellung. Es stellen sich die Fragen, wie und wann das Backlog entsteht, wie sich die Inhalte gestalten und wie sie priorisiert werden.

Im Scrum Guide ist lediglich die Rede von Product Backlog Items, nicht von User Stories. User Stories sind allerdings ein Good Practice, der sich bewährt hat und daher von vielen Teams angewandt wird. Dennoch ist das Resultat meistens eine ewig lange Liste von User Stories, bei der der Product Owner möglicherweise schnell den Überblick verliert.

Jira Backlog Example

User Story Mapping kann uns im Bewältigen dieser Herausforderung unterstützen.

User Story Mapping

User Story Mapping ist eine ”Good Practice”, die in der Community entstanden ist und die von Jeff Patton in seinem gleichnamigen Buch beschrieben wurde und seitdem auch zugeordnet wurde.

Grundsätzlich fokussiert sich User Story Mapping auf die folgenden Aspekte:

  • Anwenderfokus
  • Arbeitsschritte
  • Priorität

Ziel ist es, zunächst die Anwendersicht in den Vordergrund zu rücken, indem betrachtet und abgebildet wird, wie der Nutzer mit der Applikation im Zuge seiner Arbeit interagiert. Anschließend sollen Details oder Varianten der User Journey identifiziert und nach Priorität positioniert werden. Sinn und Zweck dieser Fokussierung ist es, Mehrwert für den Endanwender der Applikation zu erzeugen.

User Story Mapping Darstellung

Dazu verwendet man eine zwei dimensionale Darstellung, die Hauptaktivitäten sowie die Varianten vereint. In der horizontalen Achse werden die Arbeitsschritte als Hauptaktivitäten des Anwenders gesammelt und gruppiert. Unterstützt werden sie durch den Backbone, also den narrativen Ablauf. In der vertikalen Achse werden die unterschiedlichen Varianten des jeweiligen Arbeitsschrittes aufgestellt.

Um das Ganze aus der Sicht eines Anwendertyps zu betrachten eignet sich das Konzept von Personas. Das bedeutet, dass es möglicherweise mehrere User Story Maps für eine einzige Applikation gibt, um verschiedene Sichten (z.B. User Interfaces) in der Applikation für verschiedene Zielgruppen zu erstellen.

Die folgende Grafik visualisiert, wie gut sich mittels der 2D Darstellung einer User Story Map verschiedene Details gruppieren lassen. Um einzelne Sprints oder Releases zu priorisieren nimmt man nun die Anwendersicht der Persona ein und schneidet auf Basis des narrativen Ablaufs die Aktivitäten. Das Beispiel stellt also 3 Sprints oder Releases mit unterschiedlichen Varianten dar.

User Story Map Grundstruktur

User Story Mapping im Team Workshop

Am besten und einfachsten entsteht die User Story Map mit Papier und Stiften im Rahmen eines Workshops (timeboxed), in welchen möglichst alle Stakeholder involviert werden, z.B. Fachbereich, Anwender, Entwickler, Product Owner, Tester, Management, … Das gemeinsame Erarbeiten schafft nicht nur Transparenz, sondern auch ein gemeinsames Verständnis der Produktvision, Features und Releasezielen. Insgesamt unterstützt der Prozess eine positive Nutzerakzeptanz.

Sollte es situationsbedingt nicht möglich sein, gibt es kollaborative Online Tools wie Miro, die es den Teams ermöglichen, zeitgleich gemeinsam eine User Story Map zu erarbeiten. Eine User Story Map ist niemals abgeschlossen. Vorzugsweise kann sie im gemeinsamen Büro aufgehangen werden, um sie im Laufe der Entwicklung weiterzupflegen.

User Story Slicing

User Story Slicing ist eine Technik, um User Stories in kleine, planbare, testbare Arbeitspakete zu schnüren. Diese Technik kommt generell bei der Backlogpflege zum Einsatz, eignet sich aber auch gut im Rahmen von User Story Maps. Dazu werden größere User Stories herangezogen und in viele verschiedene, kleinere Varianten zerlegt, die in einer Iteration lieferbar sind. So könnte beispielsweise eine User Story lauten:

Als Mitarbeiter einer Bücherei möchte ich das System nach Büchern durchsuchen können, um den Kunden Auskunft über die Verfügbarkeit und Regalnummer geben zu können.

Diese User Story weist auf verschiedene Optionen hinsichtlich des Themas „Suchen“ hin. Zudem wird der Zweck deutlich, und zwar dass Lagerungsort und Verfügbarkeit benötigt werden. Um möglichst früh Mehrwert zu schaffen, kann die Story in viele kleine Varianten zerlegt werden, zum Beispiel (der Einfachheit halber nicht im User Story-Format):

  • Liste aller Bücher anzeigen
  • Buch nach Titel suchen
  • Buch nach Autor suchen
  • Buch nach ISBN suchen
  • Buch nach Klappentext suchen
  • Buch nach Erscheinungsjahr suchen
  • Regalnummer je Buch anzeigen
  • Verfügbarkeitsstatus je Buch anzeigen

Werden die mittels User Story Slicing erstellen Aufgabenpakete in das Format einer User Story Map übertragen, können Prioritäten gesetzt werden, um möglichst frühen Mehrwert zu generieren.

Unterstützung zu den Themen User Story Mapping und Slicing findet Ihr in unserem Beratungsangebot für Product Owner.

User Story Mapping Nachteile

Der Nachteil von User Story Mapping mittels Papier und Stiften oder in Dritttools ist eindeutig: Ist die User Story Map erst einmal erstellt, muss der Stand ins primär genutzte Aufgaben-/Projektmanagementtool übertragen werden. Wird sie im Entwicklungsverlauf aktualisiert, muss sie an mehreren Stellen aktuell gehalten werden. Diese Doppelpflege ist aufwändig. Durch das Übertragen in das Aufgaben-/Projektmanagementtool geht die schöne, aussagekräftige und praktische 2D Darstellung verloren.

User Story Mapping in Jira

Viele Entwicklungsteams nutzen insbesondere in der Softwareentwicklung, aber auch für ihr Projektmanagement die Atlassian Tools Jira und Confluence. Jira eignet sich sehr gut für das Aufgabenmanagement, da u.a. Aufgaben und Status transparent werden. Confluence hingegen eignet sich hervorragend zur Dokumentation sowie zur nähren Aufgabenbeschreibung. Finden die Aufgaben also früher oder später sowieso ihren Weg in Jira bietet es sich an, die User Story Map direkt in Jira oder basierend auf Jiradaten zu erstellen, um doppelte Datenhaltung/-pflege zu vermeiden.

Dafür bieten verschiedene Anbieter im Atlassian Marketplace verschiedene Lösungen an. Ich nutze die Erweiterungen Agile User Story Map PRO for Jira von Bauer sowie User Story Maps for Jira von Easy Agile. Beide Add-Ons ermöglichen das schnelle und einfache Erstellen von User Story Maps, ohne doppelte Datenhaltung. Während das Bauer-Tool vergleichsweise eine hohe Dichte verschiedenster Filter-Möglichkeiten bietet, glänzt Easy Agile mit der Option ein weiteres Add-On zum Einbinden von Personas zu integrieren. Beide Tools ermöglichen das Priorisieren von Arbeitspaketen: Bauer nutzt hierfür beispielsweise das Prinzip von Releases oder Sprints. Wurde ein Release (Version) oder ein Sprint in Jira angelegt, taucht dieser im Tool als Swimlane auf. Beide Tools erfordern zudem ein Umdenken hinsichtlich des Jira Issue Types „Epic“: In einer User Story Map ist ein Epic keine „größere Story“, sondern ein offenbleibender Punkt, der den Backbone (narrativen Ablauf) umschreibt.

Solltet Ihr unseren Beitrag zum Thema User Story Mapping in Jira auf der ModernRE2020 verpasst haben, kommt gerne auf uns zu oder informiert Euch auf unserer Webseite über unsere kostenlosen Webinare.

Fazit

  • User Story Mapping sollte im Rahmen eines Teamworkshops entstehen und alle Stakeholder involvieren, um Transparenz, gemeinsames Verständnis und Nutzerakzeptanz zu schaffen.
  • User Story Mapping setzt den Anwender in den Fokus. Je Persona können unterschiedliche User Story Maps für dieselbe Application entstehen.
  • Ziel ist es, möglichst früh Mehrwert für den Anwender zu generieren, also auf eine Wertmaximierung hinzuarbeiten.
  • User Story Mapping ermöglicht eine übersichtliche 2D Darstellung, die je Arbeitsschritt anhand eines narrativen Ablaufs die verschiedenen Varianten visualisiert und nach Mehrwert planbar macht.
  • Eine User Story Map ist lebendig und sollte regelmäßig aktualisiert werden.
  • User Story Slicing ist eine Technik, um kleine, planbare, testbare Arbeitspakete zu schnüren: Somit kann der größte Mehrwert identifiziert, priorisiert und erarbeitet werden.
  • Es existieren Erweiterungen, die User Story Mapping in Jira ermöglichen, ohne doppelte Datenhaltung/-pflege zu betreiben.

Quellen

Anis Ben Hamidene, Katharina Hersztowski: User Story Mapping mit Jira, ModernRE, Berlin, 10/2020.

Jeff Patton: User Story Mapping, O’Reilly Media; 1st Edition, 2014.

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